Dr. Hermann Anschütz-Kaempfe, ein Leben für den Kreisel

Christian Biedekarken

Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Siegeszug der Dampfmaschine sowie der Bau von Eisenschiffen in der Seeschiffahrt nicht mehr aufzuhalten. In Europa - aber auch in Amerika - gibt es starke Bestrebungen, Schiffe mittels Maschinenkraft fortzubewegen. 1821 wird mit der AARON MANBY das erste eiserne Dampfschiff in England in Dienst gestellt. 1834/35 wird auf der Werft der Königlichen Preußischen Seehandlungssozietät in Moabit, in Zusammenarbeit mit dem königlichen Hüttenwerk zu Neustadt und Eberswalde, der erste deutsche eiserne Dampfer PRINZ CARL gebaut. Werften, Schiffahrtsgesellschaften, Klassifikationsgesellschaften, Schiffbauschulen, Seefahrtsschulen usw. werden gegründet. Patente werden erteilt und 1843 findet die Indienststellung des ersten vollständig aus Eisen gebauten Fahrgast-Frachtschiffes der GREAT BRITAIN mit einer Länge über Alles von 98,5 m , einer Breite von15,39 m, einem Tiefgang von 4,85 m, 3450 BRT und einer Antriebsleitung von 1500 PSi des britischen Schiffbauingenieurs Isambard K. Brunel statt. Mit atemberaubender Geschwindigkeit leitet man die Technisierung ein. Am 8. September 1859 wird die Probefahrt des größten Schiffes des Jahrhunderts, der GREAT EASTERN, die ebenfalls nach Plänen I. K. Brunel und I.S. Russel gebaut worden ist, durchgeführt. Mit einer Verdrängung von 32000 t, einer Länge über Alles von 211 m, einer Breite von 25,10 m, einem Tiefgang von 9,15 m, einem Schaufelradpaar mit einem Durchmesser von 17,10 m, einem Radantrieb von 3410 PS (2510 kw), einem vierflügeligem Propeller von 7,20 m Durchmesser von weiteren 4890 PSi (3600 kw), einer Segelfläche von 5300 m2, einer Geschwindigkeit sämtlicher Antriebe von 14-15 kn, 4000 Fahrgästen und 400 Mann Besatzung ist es das größte, seiner Zeit weit vorauseilende, Schiff des Jahrhunderts. Fünf Schornsteine und sechs Masten verleihen ihm ein unvergleichlich riesiges Aussehen. Dieses Schiff beflügelt das Denken und den Erfindergeist der Ingenieure und Techniker auf der ganzen Welt.

So ist es auch kein Wunder, dass begabte und phantasievolle Männer Überlegungen anstellen, wie man im Bereich der Navigationsinstrumente bestehende Mängel abstellen kann. In dieser technischen Aufbruchstimmung sind es immer wieder Außenstehende, die mit umwälzenden Erfindungen auf sich aufmerksam machen. So auch der Student der Medizin und Kunstgeschichte Hermann Anschütz-Kaempfe (1872 Zweibrücken -1931 München), der sich intensiv mit den Untersuchungen des französischen Physikers Léon Foucault (1819 -1868), zur Feststellung der Achsendrehung der Erde, beschäftigt hatte. Weder Ausbildung noch seine Herkunft ließen bei Anschütz darauf schließen, dass er ein so wichtiges Navigationsinstrument, wie den Kreiselkompass, erfinden würde. Durch dieses Gerät sollten alle magnetischen Felder im Schiffseisen sowie die ortsgebundene Ablenkung des Kompasses durch das Magnetfeld der Erde, die den Kapitänen und Offizieren genügend Schwierigkeiten bereiteten, an Wichtigkeit verlieren.

Angeregt durch die Bekanntschaft mit dem österreichischen Polarforscher Julius von Payer (1842 - 1915) stellte Anschütz sein ererbtes Vermögen zunächst in den Dienst der Polarforschung. Sein Ziel war, mit einem U-Boot unter dem Nordpol durchzutauchen. Er plante zu der Zeit schon eine Reise, die erst am 3. August 1958 dem amerikanischen Atom-U-Boot NAUTILUS gelang. Anschütz konnte nicht ahnen, dass seine Erfindung Jahrzehnte später wesentlichen Anteil am Gelingen dieser Expedition haben sollte. Bei der Lösung der unzähligen Probleme, die mit einer solchen Fahrt verbunden waren, wurde ihm bewusst, dass in den hohen Breiten in einem U-Boot der Magnetkompass unwirksam ist. Verbunden mit dem Studium der Foucault‘schen Kreiselgesetze kam ihm die Idee, den Magnetkompass durch einen Kreisel zu ersetzen, der durch elektrischen Antrieb in 20-30000 Umdrehungen pro Minute gebracht wird. Bei dieser Geschwindigkeit stellt sich der Kreisel parallel zur Erdachse und gibt dadurch die genaue Nord-Süd-Richtung ohne jede magnetische Abweichung an. Das Problem ließ ihn nicht mehr los, und so widmete er seine Zeit und das restliche Vermögen dem Ziel, einen für den rauhen Schiffsbetrieb voll funktionsfähigen Kreiselkompass zu bauen.

Am 23. September 1905 gründete Dr. Hermann Anschütz-Kaempfe in Kiel seine Firma Anschütz & Co., nachdem er auf sein "Gyroskop" (Kreiselkompass) ein Patent (DRP 182855) erhalten hatte. Gleichzeitig fanden auf dem Kreuzer UNDINE die Versuche für den Einsatz auf Kriegsschiffen statt. 1907 hatte er zusammen mit Dr. Maximilian Schuler die Schwierigkeiten des Einkreiselkompasses mit den Roll- und Stampfbewegungen eines fahrenden Schiffes gelöst. Erst als 1912 der von ihm gebaute Dreikreiselkompass den Schlingerfehler (seitliche Bewegung des Schiffes um die Längsachse) beseitigte, war man auch in der Handelsschiffahrt von diesem Instrument überzeugt. Anschütz selbst arbeitete aber schon an dem nächsten System. Er wollte einen Mutterkompass und beliebig viele "Töchter" an Bord. Er entwickelte den noch heute unübertroffenen Kugelkompass, der vollkommen reibungsfrei arbeitet und den Kurs ohne Verzögerung vom Mutterkompass auf viele Tochterkompasse überträgt.

25 Jahre leitet Anschütz sein Unternehmen. 1930 überträgt er seine Firmenanteile an die Carl-Zeiss-Stiftung. Der Betrieb auf dem Kieler Ostufer (heute Compass Reha Centrum) wird im Krieg völlig zerstört, in der Wik (Kiel) wagt man einen Neuanfang. 1976 legt die Fa. Carl Zeiss, Oberkochen, das Kieler Werk der Zeiss Ikon AG, das Kinomaschinen herstellt, mit Anschütz zusammen. Am 1. Januar 1995 übernimmt der überwiegend in der Wehrtechnik tätige US-Konzern Raytheon (93000 Mitarbeiter, 17 Milliarden Dollar Umsatz) beide Teile. 1999 wird der Kinobereich an Ernemann CineTec verkauft. Raytheon Marine fertigt u.a. komplette Schiffsbrücken, Kreiselkompasse, Autopiloten, Rudersteuerungssysteme, Radar, elektronische Seekarten und Kommunikationsanlagen, sowohl für Handelsschiffe, Megayachten und Kreuzfahrtschiffe als auch Marineschiffe. Der von Dr. Hermann Anschütz-Kaempfe in Kiel entwickelte Kreiselkompass ist bis heute für die moderne Seeschiffahrt wie auch für die Luftfahrt unverzichtbar.

Quellen: Alfred Dudszus/Alfred Köpcke "Das große Buch der Schiffstypen"

Hans Peter Jürgens "Alle Meere haben Ufer"

Kieler Nachrichten

Fotos: ZIRP Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz

Werkfoto, Anschütz & Co.

 

 

                                                                                                      Werkfoto: Anschütz & Co.

Prüfung der Kreisel

Rechts oben im Bild befindet sich ein Kreisel in vollem Lauf. 

Einseitig an einem dünnen Seil aufgehängt, nimmt er eine horizontale Stellung ein

 

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