Das Seemannsheim im

 

Fischereihafen zu Bremerhaven

 

Jens Rösemann

Alle Fotos: Archiv Deutsches Schiffahrtsmuseum

 

Zur ersten Blütezeit der Hochseefischerei gelang der Seemannsmission die Errichtung eines beeindruckenden Bauwerks. Es sollte den Fischern, die nicht in Geestemünde oder Umgebung zu Hause waren, eine Heimstatt oder sogar Zuflucht sein. Mäzenatentum, Bürgersinn und wohl auch viele Scherflein von Witwen trugen dazu bei, dass diese Herberge ein Juwel unter den Seemannsheimen darstellte. Durch Verwendung von Holztäfelungen erhielten Gänge, Treppenhaus und Gemeinschaftsräume eine Atmosphäre von Kultur entgegen der üblichen penetranten Schlichtheit einiger anderer Einrichtungen der gleichen Art.

Wenn wir jungen Fischersleute, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg hier wohnten, um auf "Schangs" zu warten, das nicht entsprechend würdigten, so mag man uns das nicht übel nehmen. Wir hatten andere Sorgen und Interessen. Gleichwohl mag diese Umgebung doch einigen Einfluß auf unser Verhalten ausgeübt haben. Das war ja wohl auch die Absicht der Erbauer. Wenn ich heute die Bilder von der Einrichtung des Hauses betrachte, beschleicht mich Dankbarkeit gegenüber den vielen Förderern von damals. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Wirtschafts- und Gemeinschaftsräume wohl aus wirtschaftlichen Gründen an das Fischereihafen-Restaurant "Natusch" vermietet worden. Das mußte kein Nachteil sein. Wenn wir noch Geld hatten, fühlten wir uns dort ganz wohl.

Wer waren die Leute, die dort Ende der Vierziger und Anfang der Fünfziger Jahre logierten? Zu allererst waren es allesamt Seeleute. Dieses mußten sie durch das Vorweisen des Seefahrtsbuches beweisen. Aus meiner Sicht konnte man sie grob in vier Gruppen einteilen:

1. Bei diesen handelte es sich um "vermögende" Seeleute. D.h. sie gingen mit ihrem Geld vernünftig um und hatten sich in der Regel beim Arbeitsamt gemeldet. Für sie gab es keine Probleme mit der Beschaffung von Essen, Trinken und Bezahlung der geringen Miete. So konnten sie einige Wochen auf eine Gelegenheit warten, einen guten Dampfer zu bekommen. Guter Dampfer bedeutete, ein Schiff mit einem Kapitän, der gute Fänge machte und daher jeder an Bord gut verdienen würde. Da sie die selbst verschuldete Notlage der meisten anderen Bewohner erkannten und sie deswegen verachteten, lebten sie sehr zurückgezogen. Mit einigem Recht fürchteten sie von ihren Mitbewohnern angebettelt zu werden.

2. Es gab eine gewisse Gruppe von Heizern und Matrosen, die ein Alter erreicht hatten, das ihnen die harte Arbeit beschwerlich machte. Mit fünfzig Jahren zählte ein Fischdampfermatrose oder Heizer durchaus schon zum alten Eisen. Gewöhnlich machten sie nur noch einige Reisen pro Jahr und lebten im übrigen in einer Art Vorruhestand im Seemannsheim von der Arbeitslosen-Unterstützung. Familie hatten sie in der Regel nicht. Zu dieser Gruppe gehörte Rudolf Wolf. Trotz seines deutschen Namens stammte er aus den tiefsten Wäldern Polens. Er sprach ein schwerfälliges Deutsch, was darauf schließen ließ, dass sein Muttersprache wohl polnisch gewesen war.

Mit Rudolf hatte ich im Winter 1949/50 eine Reise auf dem Fischereimotorschiff "Helmi Söhle" gemacht. Einem nicht mehr ganz taufrischen Fahrzeug, mit dem wir im Orkan an der Westermanns-Insel beinahe gestrandet wären. Das Schiff wurde danach aus dem Verkehr gezogen und wir waren arbeitslos. Rudolf nahm seine gewöhnliche Position im Seemannsheim ein. Ich, als Angehöriger der unten beschriebenen Gruppe 3., landete nicht so weich. Wir hatten einen ganz schlechten Markt gemacht. Mein Fanganteil als Leichtmatrose reichte gerade zur Vorauszahlung der Miete im Seemannsheim für einige Wochen.

Gelegentlich besuchte ich Rudolf abends nach meinem vergeblichen Aufenthalt im "Heuerstall", wie die Vermittlungsstelle im Fischereihafen von uns Seeleuten genannt wurde. Dann saß ich dort mit knurrendem Magen, wovon er nichts wußte, und hörte mir seine Erzählungen an. Dabei bekam ich mit, dass Rudolf die Anlaufstelle vieler Kranker, besonders aus dem ländlichen Umfeld, war. Er hatte die Kunde von den Heilkräutern und deren Anwendung von seiner polnischen Großmutter geerbt. Geduldig hörte er sich die Schilderungen der meist weiblichen Patienten an und gab in seiner schwerfälligen Ausdrucksweise seine Instruktionen. Diese Unterweisungen hatten etwas Düsteres und Schamanenhaftes an sich. Es gab dankbare Patienten, die nach geglückter Heilung nochmals kamen und das geringe Honorar aufstockten.

3. Zu dieser Gruppe gehörte auch ich. Wir waren junge Matrosen und Heizer voll von unbändiger Lebenslust, die, wenn sie an Land waren, das Leben in vollen Zügen genießen wollten. Dass dabei unser sauer verdientes Geld schnell dahin schmolz, nahmen wir nicht so tragisch. Auch ließen wir andere Seeleute, die nicht mehr so gut gestellt waren, an unseren Freuden teilhaben. Wir vertrauten darauf, dass das Schicksal uns schon wieder einen Dampfer bescheren würde. Das klappte in diesem Winter aber gar nicht. In weiser Voraussicht hatten die meisten von uns die Miete im Seemannsheim für Wochen im Voraus bezahlt, so dass keine Obdachlosigkeit drohte. Im Ernstfall wurde man in einem solchen Fall nicht gleich aus dem Heim verwiesen. Aber den entwürdigenden Gang zum Seemannspastor wegen Stundung der Miete fürchteten wir trotz unserer unbefangenen Leichtfertigkeit doch. In unserer Ignoranz gegenüber dem bürgerlichen Leben hatten wir uns noch nicht einmal beim Arbeitsamt gemeldet, obwohl wir ein Recht auf Unterstützung hatten. Wie sollte das aber funktionieren, im Heimatort zweimal wöchentlich zu stempeln und gleichzeitig in Bremerhaven auf dem Heuerbüro auf eine "Schangs" zu warten? Denn dort anwesend mußte man sein, sonst bekam man nie ein Schiff. So hatten wir nach einiger Zeit des Wartens einen ständigen Begleiter : Den HUNGER. Wirklich deprimierend aber war das Gefühl, dass es mit einem Schiff nichts wurde

4. Die Angehörigen dieser Gruppe waren oft "Gelegenheits-Seeleute", denen der Sinn eigentlich gar nicht nach einem Schiff stand. Sie ernährten sich von Gelegenheitsarbeit, die bei der Verladung von Fisch oder bei den Tankreinigungsfirmen anfiel. Die Miete im Seemannsheim hatten sie schon länger nicht bezahlt. Oft waren sie nicht von der Flasche entwöhnt. Ihr Äußeres war meistens abstoßend. In unserem Dünkel als Mitglieder der 3.Gruppe wollten wir mit ihnen nichts zu tun haben.

Eine Gemeinsamkeit hatten wir mit ihnen doch. Sonntags erschienen wir alle in der kleinen Kapelle des Seemannsheims, um am Gottesdienst teilzunehmen. Nicht, dass wir besonders fromm gewesen wären. Aber hinterher gab’s ein kostenloses Mittagessen - für manchen das einziges warme Essen in der Woche! Außerdem gestaltete der Seemannspastor einmal während der Woche abends Gesellschaftsspiele. Diese waren leider nicht mit irgendeiner Bewirtung verbunden. Trotzdem kamen immer einige von uns dazu, obwohl in der Zahl weniger als an den Gottesdiensten. Bei diesen Gelegenheiten konnte man an den rauen Seeleuten ein gewisses kindhaftes Verhalten beobachten. Dieses trat auch auf See bei Weihnachtsfeiern zutage. Es kam übrigens nicht vor, dass auf dem Fangplatz das Fest zum Heiligen Abend ausfiel. Da konnte das Wetter noch so schlecht und die Beanspruchung bei großen Fängen noch so groß sein. Die eine Stunde für ein bescheidenes Fest wurde immer erübrigt, auch unter Verzicht auf dringend notwendigen Schlaf. Das Fischen wurde zum Heiligabend selbstverständlich nicht unterbrochen. Bei der Fischerei war das Weihnachtsfest kein Anlaß zur Besäufnis. Es war eine Stunde der Besinnung und es gab auch Tränen bei nicht wenigen. Der Erzähler weiß wovon er redet. Seit seiner frühen Heirat ist er neun Jahre hintereinander zum Fest nur auf See und nicht bei seiner Familie zu Hause gewesen.

In der kleinen Kapelle gab es einen Platz, den wir mit einer gewissen Scheu betrachteten. Hier wurde der verschollenen oder verunglückten Fischer gedacht. Der Platz war als Andachts-Ort hergerichtet. Zu ihm konnten die Angehörigen kommen und ihrer Lieben gedenken. Denn deren Grab war ja die Weite des Nordatlantik.

Jahrzehnte später machte ich mich auf, das Seemannsheim noch einmal zu besuchen. In der Kapelle war auch meines Freundes Ernst Braun gedacht worden, der am 18.Oktober 1958 vor Island als 1.Steuermann des Fischdampfers "Teutonia" über Bord gespült worden war. Viel früher schon hätte mich eigentlich der Weg dorthin führen müssen! Nun wollte ich außerdem für ein Buch über die Hochseefischerei einige Nachforschungen anstellen.

Von weitem nahm ich das gewohnte Bild des wuchtigen Backsteinbaus war. Aber beim Näherkommen bemerkte ich die Spuren des Verfalls. Und erst im Innern des einst so gepflegten Hauses! Man hatte hier alle möglichen Bewohner eingewiesen, die nicht in der Lage waren, das Haus gepflegt zu erhalten. Nach der ernüchternden Wanderung durch die vernachlässigten Gänge und Stockwerke machte ich mich auf die Suche nach der Kapelle. Wie groß war mein Erschrecken und Erstaunen als ich erfuhr, dass sie und mit ihr die Gedenkstelle sich in ein NICHTS aufgelöst hatte! Mir fiel der Schluß eines Gedichts ein, das wir in der Schule gelernt hatten.

"Du fragest nach den Riesen, Du findest sie nicht mehr!"

 

Speisesaal

 

 

Tagesraum

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